Hommage an den Ozean
 
Interview mit Roland Schmidt zur Uraufführung von "Mares de Chile"
   
 

KW: Wann kam für Dich der erste Kontakt mit der Lyrik Pablo Nerudas zustande und warum hast Du Dich dafür entschieden, gerade diesen Poeten zu vertonen?

RS: Meinen ersten Kontakt mit Nerudas Lyrik hatte ich im Jahr 2002 als ich bei einer Freundin im Bücherregal einen Gedichtband sah, der anläßlich der Verleihung des Literaturnobelpreises 1971 in beschränkter Stückzahl veröffentlicht wurde. Eben diese Gedichtsammlung stand da im Regal. Als ich darin blätterte kam mir ein ganzes Meer an Texten entgegen, die an Metaphern, Farbenreichtum, Blumigkeit der Sprache, kurzum an "Romantik" ihresgleichen suchen. Ich las drei Jahre in dem spanisch-deutschen Lyrikband und entschloß mich endlich eine Auswahl von vier Gedichten zu vertonen. Mir hatten es die relativ frühen Texte aus seinem Werk "Residencia en la Tierra" angetan, ein verzweifeltes Ringen mit dem Sinn des "Aufenthalts auf Erden." Natürlich in der spanischen Ursprache. Das war eine Herausforderung.

KW: Nach eurem letzten Konzert, das ich miterleben konnte (im Schloss Wiesenfelden beim Bund Naturschutz) war die Rede davon, dass man das Neruda-Quartett nach Chile einladen will. Gibt es da einen Zusammenhang mit der neuesten Komposition "Mares de Chile" (dt.: "Chilenische Meere") oder war etwas anderes ausschlaggebend bei der Auswahl?

RS: Einen Zusammenhang zwischen der Komposition und der Einladung nach Chile bestand anfangs eher nicht. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, ist die Wahl von "Mares de Chile" ein Glücksfall für unser Repertoire, da der Titel den chilenischen Nerudafreunden – und das sind ja fast alle Chilenen – doch sehr schmeichelt, wenn wir hoffentlich bald die Gelegenheit erhalten, Konzerte in Südamerika zu geben ... Tango inklusive. Pablo Neruda war ein Bewunderer des Meeres. Er wohnte und arbeitete in seinem Haus in Isla Negra mit direktem Blick auf das Meer. Er bezeichnete den Ozean vor seiner Haustüre als ein einziges großes Lebewesen. Heutzutage spricht man vom Ökosystem Weltmeer, das vom Menschen bedroht ist. In vielen Texten von Neruda kommte das Wort "ozeanisch" vor.

KW: Worum geht es in "Mares de Chile" und was hat Dich bei diesem Gedicht am meisten inspiriert?

RS: "Mares de Chile" ist eine einzige Hommage an den Ozean, eine Hymne auf über 4.600 km Küste, von der trockenen Atacama-Wüste bis zu den Eisbergen vor Feuerland.

KW: Hast Du eine bestimmte Herangehensweise beim Komponieren bzw. hast Du Dich bei früheren Neruda-Liedern ähnlich inspirieren lassen und hast bei "Mares de Chile" auf vergleichbare Art und Weise gearbeitet wie beim Komponieren anderer (Neruda-)Lieder?

RS: Maßgeblich ist für mich der Text. Alles andere ergibt sich beim Komponieren.

KW: Kannst Du diesen Vorgang noch etwas genauer beschreiben - ist es beispielsweise die Stimmung des Gedichtes, also der Inhalt, Deine eigene Interpretation des Textes, der Rhythmus des Textes oder andere Dinge, die Dich inspirieren und/oder letztlich zur Entscheidung für die eine oder andere Idee führen?

RS: Maßgeblich ist, wie schon gesagt, der Text für mich. Er erzeugt natürlich in mir, wie in jedem anderen Menschen, eine Stimmung. Daraus entscheidet sich dann die Art der Interpretation, die ich dem Text zukommen lassen will. Das kann sehr unterschiedlich sein. In dem düsteren und verzweifelten Gedicht "Cantares" für Mezzosopran und Marimba sind es vorwiegend atonale Klangfolgen, die ab und zu in das Dur-Moll Tonale wechseln, während "Mares de Chile" in einer größeren Besetzung mit Klavier, Klarinette und umfangreicher Percussion in erster Linie wie eine erhabene Hymne, aber auch wie ein Popsong oder klassisches Kunstlied interpretiert wird. Der Text entscheidet über Tango oder Arie.

KW: Vielen Dank für das Gespräch, Roland.

Interview: Kathrin Wankelmuth, im Dezember 2007

Mares de Chile
Chilenische Meere